Projekt Agincourt: Wer kommandiert künftig die Roboter? Von Wolfgag Effenberger (16.10.2026)

Kritischer Einwurf: technische Autonomie, menschliche Folgen

Die weitergehende Sorge gilt einer Entgrenzung der Gewalt bei gleichzeitiger Zersplitterung menschlicher Verantwortung. Wenn Entscheidungen auf Befehlsketten, Software und technische Verfahren verteilt werden, droht eine Situation, an der viele beteiligt sind, in der aber niemand sich als tatsächlich verantwortlich begreift. Menschliche Kontrolle wäre dann nur noch eine formale Bestätigung maschineller Entscheidungen – statt einer wirksamen Möglichkeit, zu prüfen, zu widersprechen und einzugreifen. Diese Gefahr lässt sich aus der von Etzioni und Etzioni dargestellten Verantwortungsproblematik ableiten.(32)

Als kritische Zuspitzung ließe sich von einer technokratischen Abschottung gegenüber menschlichem Leid und einem Rückschritt der Menschlichkeit sprechen: Menschen erscheinen nur noch als Zielmerkmale, ihr Tod als erfolgreicher Systemablauf. Die Gefahr liegt nicht allein darin, dass Maschinen menschliches Urteil unvollkommen nachbilden, sondern darin, dass Menschen sich selbst an die verengte Logik ihrer Maschinen gewöhnen. „Autistisches Verhalten“ wäre dafür keine treffende Bezeichnung; gemeint sind moralische Abschottung, Empathieverlust und die Verdrängung persönlicher Verantwortung, nicht Autismus.

Auch die eigenen Soldaten wären damit nicht notwendig seelisch entlastet. Wer einen Angriff freigibt, seine Folgen beobachtet oder sich außerstande sieht, ihn rechtzeitig zu verhindern, kann weiterhin Schuld, Scham und Ohnmacht erleben. Die Forschung zu „moral injury“, also moralischer Verletzung, beschreibt solche Belastungen nach Handlungen oder unterlassenen Eingriffen, die den eigenen tiefen Wertüberzeugungen widersprechen. Moralische Verletzung ist nicht mit einer posttraumatischen Belastungsstörung gleichzusetzen, kann jedoch mit ihr zusammen auftreten. Dass AUTOWARCOM solche Folgen hervorbringen wird, ist damit nicht belegt; es handelt sich um ein ernst zu nehmendes Risiko, nicht um eine zwangsläufige Entwicklung.(33)

Der entscheidende Maßstab sollte deshalb lauten: Technische Autonomie darf weder zur Ausrede für menschliche Verantwortungslosigkeit werden noch Soldaten Verantwortung aufbürden, ohne ihnen die tatsächliche Macht zum Eingreifen zu belassen.

Projekt Agincourt: Wer kommandiert künftig die Roboter?

Das Pentagon und der Weg zum neuen Autonomous Warfare Command (AUTOWARCOM)

Von Wolfgang Effenberger

16.10.2026

Projekt Agincourt – Der Weg zum Kommando für autonome Kriegführung

Der US-Kriegsminister Pete Hegseth hat ein Memorandum mit dem Titel „Projekt Agincourt – Der Weg zum Kommando für autonome Kriegführung“ veröffentlicht. Der Name dieses Projekts soll auf die Schlacht von Azincourt von 1415 verweisen und im Zusammenhang mit AUTOWARCOM eine militärische Umwälzung versinnbildlichen: So wie damals englische Langbogenschützen zum Sieg über eine zahlenmäßig überlegene französische Streitmacht beitrugen, sollen heute unbemannte und autonome Systeme die bisherigen Kräfte- und Kostenverhältnisse auf dem Gefechtsfeld verändern. Diese historische Anspielung wurde bei der Vorstellung des Projekts ausdrücklich hergestellt; sie ist also nicht bloß eine nachträgliche Interpretation.

Welche Botschaft hinter dem Namen steht

Die Namenswahl stellt den Langbogen als historische Entsprechung zu heutigen Drohnen und autonomen Waffensystemen dar. Die beabsichtigte Analogie lautet: Eine vergleichsweise kostengünstige, in großer Zahl eingesetzte Waffe kann einen aufwendig ausgerüsteten Gegner vor grundlegende Probleme stellen. Der Name soll damit den Anspruch unterstreichen, nicht nur zusätzliche Technik zu beschaffen, sondern die Art der Kriegführung zu verändern.(2)

Dazu passt der organisatorische Ansatz von Project Agincourt: Soldaten und Entwickler sollen in schnellen Anpassungszyklen zusammenarbeiten; Entscheidungen und Finanzmittel sollen näher an die kämpfenden Einheiten verlagert werden. Die technische Neuerung soll also durch neue Beschaffungs- und Führungsverfahren wirksam werden.(3)

Project Agincourt ist das Aufbauprogramm für das geplante Autonomous Warfare Command: Es soll dessen organisatorische, personelle und beschaffungstechnische Grundlagen schaffen und zugleich bereits erproben, wie autonome militärische Systeme schneller entwickelt und eingeführt werden können. Es ist also nicht bloß eine Zukunftsstudie, sondern die praktische Übergangsphase zum neuen Kommando.

Weiterlesen: we16102026

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Siehe auch:

WISSEN MACHT ZUKUNFT – Wolfgang Effenberger im Gespräch mit Christiane Müller – Krieg als Schicksal?

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Der kalte Geist des Krieges

Strategie der Unausweichlichkeit

Von Wolfgang Effenberger

Erste Auflage Oktober 2026

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Aufstehen fürs Überleben – Frieden braucht ein Völkerrecht, das für alle gilt

Der Aufruf von Effenberger und Mortasawi im Licht des Iran-Krieges, westlicher Machtpolitik und der Gefahr einer weiteren Eskalation

Von Wolfgang Effenberger

10.10.2026

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Weitere Schriften von Wolfgang Effenberger

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