Aufstehen fürs Überleben“ – wenn die alte Ordnung ihre Grenzen zeigt
Bereits Anfang 2023 veröffentlichten Wolfgang Effenberger und Amir Mortasawi ihren Aufruf „Aufstehen fürs Überleben“. Im Mittelpunkt stand die Sorge, dass aus dem Krieg in der Ukraine eine direkte Konfrontation zwischen Russland und den NATO-Staaten entstehen und damit eine nukleare Eskalation in Europa ausgelöst werden könnte. Die Autoren forderten deshalb eine Abkehr von der Vorstellung, der Konflikt müsse militärisch entschieden werden, und plädierten für Verhandlungen und eine politische Lösung.
Heute, dreieinhalb Jahre später, stellt sich diese Frage unter veränderten Vorzeichen erneut. Die russischen Warnungen vom 29. September 2026 im Zusammenhang mit einer möglichen Isolierung Kaliningrads und der Hinweis auf „alle Russland zur Verfügung stehenden Mittel, einschließlich Atomwaffen“ markieren eine neue Stufe der sicherheitspolitischen Konfrontation. Hinzu kommt die angekündigte Aufstockung der russischen Streitkräfte.
Damit verbindet sich die aktuelle Entwicklung unmittelbar mit der zentralen Frage dieses Artikels: Wenn die bisherige Weltordnung ihre Fähigkeit verliert, Konflikte innerhalb eines allgemein akzeptierten Regelrahmens zu begrenzen, was tritt an ihre Stelle?
Die UN-Generalversammlung 2026 hat gezeigt, dass sich die politischen Gewichte der Welt bereits verschieben. Eine wachsende Zahl von Staaten stellt die bisherige, nach 1945 und insbesondere nach 1990 entstandene Ordnung infrage und fordert eine stärker multipolare Gestaltung der internationalen Beziehungen. Doch eine neue, allgemein anerkannte Sicherheitsordnung existiert bislang nicht.
Genau in diesem Zwischenraum wächst das Eskalationsrisiko. Die alte Ordnung ist nicht mehr unangefochten – die neue ist noch nicht etabliert. Die politische Neuordnung der Welt und die militärische Realität laufen damit zeitlich auseinander. Während Staaten um Einfluss, Sicherheitsinteressen und neue Machtverhältnisse ringen, bleiben die militärischen Instrumente der alten Blockkonfrontation erhalten – einschließlich der nuklearen Abschreckung.
Der Aufruf „Aufstehen fürs Überleben“ erhält vor diesem Hintergrund eine neue Aktualität. Nicht weil Effenberger und Mortasawi die konkreten Ereignisse des Jahres 2026 vorhergesagt hätten, sondern weil die von ihnen benannte Grundgefahr fortbesteht: Eine Welt, in der die politische Ordnung schneller zerfällt, als eine neue Sicherheitsarchitektur geschaffen werden kann, ist besonders anfällig für Fehlkalkulationen und Eskalationen.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht nur, wer am Ende über die größere militärische Macht verfügt. Entscheidend ist vielmehr, ob es gelingt, zwischen der untergehenden alten Ordnung und der noch nicht entstandenen neuen Ordnung einen politischen Rahmen zu schaffen, in dem Konflikte wieder begrenzt, Sicherheitsinteressen aller Seiten berücksichtigt und ein direkter Zusammenstoß der Atommächte verhindert werden kann.
Die alte Weltordnung ist vorbei – die neue gibt es noch nicht
Von der UN-Generalversammlung zur nuklearen Drohung um Kaliningrad: Europas Sicherheitsordnung am Scheideweg
Von Wolfgang Effenberger
30.09.2026
Der letzte Tag, der 28. September 2026, verändert das Grundbild nicht, sondern bestätigt und verschärft es an einem entscheidenden Punkt: Die Generaldebatte zeigt weniger eine neue geschlossene Weltordnung als den offenen Kampf um die Regeln einer multipolaren Welt. Die Generaldebatte der 81. UN-Generalversammlung fand offiziell vom 22. bis 28. September 2026 statt.[i]
Der letzte Sitzungstag brachte zwar nicht mehr die großen programmatischen Reden der ersten Tage, aber er war für die Analyse durchaus aufschlussreich. Besonders deutlich wurde noch einmal ein Motiv, das sich bereits durch die gesamte Debatte gezogen hatte: Die Staaten sind sich zunehmend darüber einig, dass die bisherige internationale Ordnung in einer Krise steckt – aber sie sind sich nicht darüber einig, wodurch sie ersetzt oder wie sie reformiert werden soll. Der vielleicht wichtigste Befund: Multipolarität ist inzwischen keine Außenseiterposition mehr.
António Guterres hatte bereits zu Beginn der Generaldebatte die Entwicklung zu einer multipolaren Welt ausdrücklich als Realität beschrieben. Er unterschied dabei zwischen einer konflikthaften, fragmentierten Multipolarität und einer von gemeinsamen Regeln getragenen „networked multipolarity“.
Die Reden bis einschließlich 28. September zeigen, dass dieser Begriff nicht mehr ausschließlich von Russland oder China verwendet wird. Vielmehr tauchen unterschiedliche Varianten desselben Grundproblems auf:
- Wer besitzt künftig politische Macht?
- Wer setzt internationale Regeln?
- Wer darf über deren Durchsetzung entscheiden?
- Wie repräsentativ ist der Sicherheitsrat noch?
- Welche Rolle besitzen USA, China, Russland, Indien und der Globale Süden?
- Wie viel nationale Souveränität kann mit globaler Kooperation verbunden werden?
Damit verschiebt sich die zentrale Frage der Weltpolitik.
Nicht mehr nur: Wer gehört zur bestehenden Ordnung?,
sondern zunehmend: Wie wird eine internationale Ordnung organisiert, in der mehrere Machtzentren existieren?
Weiterlesen: we30.09.2026
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Siehe auch:
Verantwortung für die Zukunft: Grenzen des Möglichen oder grenzenlose Möglichkeiten?
Rede des Präsidenten der Russischen Föderation, Wladimir Putin, auf der Plenarsitzung des 23. jährlichen Treffens des Waldai-Diskussionsklubs vom 28.09. bis 01.10.2026
01.10.2026
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Buchvorstellung: Rasende Zerstörung. Wirtschaftliche, politische und psychosoziale Folgen der Kriegsvorbereitung
Herausgeber: Klaus-Jürgen Bruder (†), Almuth Bruder-Bezzel (†), René Kirschey, Benjamin Lemke, Conny Stahmer-Weinandy
Mit Beiträgen von: Rudolph Bauer, Eva Borst, Almuth Bruder-Bezzel (†), Klaus-Jürgen Bruder (†), Günther Burbach, Wolfgang Bittner, Eugen Drewermann, Wolfgang Effenberger, Magda von Garrel, Annette Groth, Hannes Hofbauer, Wolfgang Krieger, Benjamin Lemke, Karin Leukefeld, Michael Schneider, Manfred Sohn, Conny Stahmer-Weinandy, Günter Rexilius, Werner Rügemer, Ursula Vogt und Norbert Wohlfahrt
Erstauflage August 2026, Promedia Verlag, Wien
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Buchvorstellung: Kampf der Giganten. Warum China und Russland die globale Vorherrschaft der USA ablehnen
Von Daniele Ganser
Erstauflage September 2026, Westend Verlag, Neu-Isenburg
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Weitere Schriften von Wolfgang Effenberger
https://wolfgangeffenberger.com/index.php
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