„[…] Wie ließe sich eine gute, menschenwürdige Gesellschaft beschreiben?
Der 25-jährige Marx forderte, „alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen“ ist.
Erich Fromm schrieb, in einer „gesunden Gesellschaft“ muss sich „niemand mehr bedroht fühlen […], nicht das Kind durch die Eltern; nicht die Eltern durch die über ihnen Stehenden; keine soziale Klasse durch eine andere; keine Nation durch eine Supermacht“.
Ich ergänze: Eine gesunde Gesellschaft braucht als Basis psychisch gesunde Menschen. Um psychisch gesund sein zu können, brauchen wir eine gesunde Gesellschaft. Dieser Zusammenhang ist nicht auflösbar.
Wir sind Teil der Systeme, in die wir hineingeboren wurden, die uns umgeben, wurden und werden von ihnen geprägt, tragen willentlich oder unwillentlich zu deren Bestand und Entwicklung bei. Wollen wir die negativen Aspekte eines sozialen Systems überwinden, müssen wir auch herausfinden, inwieweit wir diese Aspekte verinnerlicht haben – und auch dagegen etwas tun.
Durch rein wirtschaftliche Veränderungen lässt sich eine menschenwürdige Ordnung weder erreichen noch definieren. Für diese Definition brauchen wir Antworten auf Fragen, die in erster Linie psychologischer Natur sind: Was ist „gutes“ Leben, was macht einen glücklichen Menschen aus, was benötigen wir, um tatsächlich zufrieden zu sein, was genau ist „menschenwürdig“?
Nur in dem Maße, wie wir uns ein reales, umfassendes Menschenbild erarbeiten, können wir beurteilen, wie eine Sozialordnung beschaffen sein müsste, die uns gemäß ist.“
Zwei Beiträge von Andreas Peglau (20.06.2026)
(1)
Weltall, Erde, Ich – und „Gaia“. Über sinnvolles Handeln innerhalb einer widersprüchlichen Einheit
Ein Versuch, mit Hilfe von Erich Fromm, Sudhir Kakar, James Lovelock, Hans-Joachim Maaz, Wilhelm Reich, Rupert Sheldrake und anderen, Psychoanalyse, Ökologie und Gaia-Hypothese zu verbinden.
Von Andreas Peglauz
19.07.2025
(Der vorliegende Artikel wurde in Emotion. Beiträge zum Werk von Wilhelm Reich, Heft 17 (2007), S. 99-122 veröffentlicht. Eine frühere Fassung erschien in A. Peglau/ ich e.v.: Weltall, Erde, … Ich. Anregungen für ein selbstbewussteres Leben“ bzw. weltall-erde-ich.de. Der Text wurde leicht verändert und mit zusätzlichen Links versehen.)
„So eine Krise wie jetzt hat die Menschheit noch nicht erlebt. Da muss was Vereinigendes am Werk sein, ich spüre es.“
Rudolf Bahro 1995 in einem „Spiegel“–Interview
Zusammenbruch des sozialistischen Staatensystems, wirtschaftliche Öffnung Chinas, Globalisierung, Internet– und Computerboom, Bio– und Gentechnologie, Klimawandel, US–amerikanischer Weltherrschaftswahn – der Jahrtausendwechsel hat Entwicklungen mit sich gebracht, die vor wenigen Jahrzehnten kaum zu erahnen waren. Die alte Frage, wie wir am sinnvollsten leben und handeln können, steht wieder einmal neu.
Ich möchte im Folgenden einige Überlegungen vorstellen, die sich für mich ergeben haben, nachdem ich in meine Suche nach Antworten die Prinzipien der „Verbundenheit“ und der Selbstorganisation einbezogen habe. (Da der Begriff „Selbststeuerung“ einen relativ mechanischen Vorgang nahelegt, bevorzuge ich „Selbstorganisation“ – was unvorhersehbare Anteile einer Entwicklung nicht ausschließt und insofern für Lebensprozesse die angemessenere Beschreibung abgibt1. So verstanden, entspricht meiner Meinung nach „Selbstorganisation“ auch dem von W. Reich verwendeten Begriff „Selbstregulation“.)
Beginnen wir bei der „Verbundenheit“. Ist es überhaupt ein Merkmal des Lebens, verbunden zu sein? Wie intensiv sind die Zusammenhänge zwischen einem einzelnen Menschen und der Welt?
Weiterlesen: https://andreas-peglau-psychoanalyse.de/weltall-erde-ich-gaia/
PDF: ap19072026
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(2)
Menschenbilder als Grundlage gesellschaftlicher Veränderungen
Vortrag von Andreas Peglau in Neubrandenburg
18.06.2025
Was ist das: ein Menschenbild?
Etwas, das jeder und jede in sich trägt – oftmals eher unbewusst als bewusst.
Es ist die Summe von Annahmen darüber, wie Menschen im Allgemeinen sind, welche Eigenschaften sie verbinden, was daher von ihnen zu erwarten, zu erhoffen, zu befürchten ist.
Eine dabei zentrale Frage lautet:
Sind Menschen gut – oder böse?
Dazu gibt es vier Grundpositionen, die sich vereinfacht so darstellen lassen:
Position 1) Menschen werden – abgesehen von biologischen Gegebenheiten – geboren als leere Blätter, auf welche später äußere Faktoren ihren Text schreiben. Sie sind vom Wesen her weder gut noch böse, denn sie haben gar kein Wesen, das sie auf die Welt mitbringen. Vertreten wird das unter anderem – ab 1845 – von Karl Marx. Darauf komme ich zurück.
Position 2) Menschen sind angeboren egozentrisch, verlogen, habgierig, bösartig, antisozial. Diese Sicht wird unter anderem durch christliche „Erbsünde“-Vorstellungen gestützt, aber auch durch Thesen von Sigmund Freud. Sie macht das Nachdenken darüber, wodurch es zu Krieg, Mord und Gewalt kommt, scheinbar überflüssig und liefert Machthabern in Familie und Gesellschaft Alibis, um zu erziehen, zu gängeln, zu kontrollieren und zu bestrafen.
Position 3) Gute wie böse Verhaltensoptionen sind gleichermaßen angelegt, Selbst- oder Arterhaltungstrieb entscheiden, was jeweils zur Anwendung gelangt. Diese biologistische Sicht findet sich bei Soziobiologen wie Edward O. Wilson.
Position 4) Wir sind angeboren gut, im Sinne von: mitfühlend, kontaktfreudig, liebevoll, liebenswert, neugierig, kreativ, solidarisch, friedfertig, pro-sozial. Zu unseren Anlagen gehört ebenfalls die gesunde, lebensnotwendige Fähigkeit zur Aggression. Diese Fähigkeit, deren Name sich ableitet vom Wort „aggredere“, etwas in Angriff nehmen, brauchen wir, um uns durchzusetzen, zu verteidigen, abzugrenzen. Mit „Böse-Sein“ hat das nichts tu tun. „Böse“ im Sinne von destruktiv, zerstörerisch, sadistisch oder „kriegstüchtig“ können wir nur gemacht werden: indem man unsere Anlagen unterdrückt, unsere gesunde Entwicklung behindert.
Diese Auffassung wird unter anderem vertreten von den Psychoanalytikern Wilhelm Reich und Erich Fromm. Und auch von mir.
Einige Argumente, auf die ich mich dabei berufe, werde ich im Weiteren erwähnen.
Weiterlesen: https://andreas-peglau-psychoanalyse.de/menschenbilder-als-grundlage-gesellschaftlicher-veraenderungen/
PDF: ap18062025
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Siehe auch:
Lasst uns keine Marionetten sein! Plädoyer für Selbstbestimmtheit, Friedensfähigkeit und eine realisierbare Zukunftsvision
Von Andreas Peglau
Ostern 2026
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Weitere Schriften von Andreas Peglau
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