Dieser Text erschien im Heft 25/2023 der Zeitschrift Ossietzky. Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Autors.
Hundert starke Jahre
Von Günter Rexilius
Im November 2022 wurde meine Mutter Barbara 100 Jahre alt, kurz darauf erlitt sie einen Schlaganfall, den sie, wahrscheinlich lebensrettend, selbst diagnostizierte: Sanitäter haben nach ihrem Notruf Sturzverletzungen behandelt, die Ärzte sahen keine Notwendigkeit einer stationären Aufnahme, bis sie widersprach: »Sie können mich nicht nach Hause schicken, ich habe einen Schlaganfall.» Mit Blaulicht für drei Wochen in die nächste Uni-Klinik, noch mal drei Wochen Reha, dann Rückkehr in ihre Wohnung im 3. Stock eines Mietshauses ohne Fahrstuhl. Die Treppen hinaufzusteigen, wird immer schwieriger, Schwindel peinigt sie. Ihr Leben ist mühseliger geworden.
Auf die naheliegende Frage, was an dieser privaten Episode von allgemeinerem Interesse sein könnte, fallen mir als Antworten zwei Sätze ein, die mir in Studium und Berufsleben treue Begleiter geworden sind. Da ist zunächst der vom »aufrechten Gang«, wie Ernst Bloch die Bewegungsform nennt, die der Mensch für sich erringen muss, um auch für andere da sein zu können. Als Barbara, die sich nur noch unsicher ohne ihren Rollator bewegen kann, am 9. März 2023 in einer bewegenden Feierstunde die Ehrenbürgerschaft der Stadt Witten erhält, vertraut sie sich selbst und nimmt, aufrecht gehend, die Goldene Ehrennadel in Empfang: Für ihr soziales Engagement bei der Gründung des Wittener Frauenhauses, in dem sie dann drei Jahrzehnte als Seniorin eines Teams aus viel jüngeren Frauen mitarbeitete. Im Rahmen der Feier beeindrucken nicht nur die wertschätzenden Worte des Bürgermeisters, sondern Aufmerksamkeit, Interesse und Neugier, die viele Anwesende ihr schenken, nicht zuletzt junge Frauen, die Einzelheiten über ihr Leben hören wollen.
Barbara erzählt gerne, aber viel Zeit blieb an jenem Abend nicht. In der Ehrung für sie, kulminiert ein Lebenslauf, der typisch für jene Frauen-Generation ist, die einen Weltkrieg und einen kalten Krieg durchleben musste. Ihr Leben steht beispielhaft für viele Frauen, die Emanzipation und Gleichberechtigung erkämpft haben, gegen eine teils feindliche, teils sie benachteiligende gesellschafts-politische Dynamik. »Das war doch alles selbstverständlich«, höre ich immer wieder von ihr, aber ich weiß: Nein, das war es nicht, sondern ein Befreiungskampf gegen all das, was lähmend nach wie vor auf vielen Frauen lastet, ohne lautes Getöse, sondern, weil von den Verhältnissen gefordert, nahezu selbstverständlich. Die Botschaft ihrer Ehrenbürgerinnen-Ehrung könnte lauten: Die Revolution kommt auf leisen Sohlen, wenn wir sie wollen – aber sie muss in uns wachsen, bis wir sie, als Antwort auf manchmal hoffnungsarme Umstände, aufrecht gehend machen können.
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Siehe auch:
Zum Innehalten und Erinnern – mitten im Angriffskrieg gegen den Iran
Auch dieser Angriffskrieg der USA, Israels und ihrer Verbündeten gegen den Iran – mit seinen Verwüstungen und seiner Verelendung – wird eines Tages enden. Die tieferen, entscheidenden Fragen jedoch werden bleiben.
14.3.2026
https://afsaneyebahar.com/2026/03/14/20706354/
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Lebens Lauf (28.10.2016) in Erinnerung an Christa Ortmann (1936-2016) Aus der Erde stieg ich empor durch die Erde werde ich fließen und im Laufe der Zeit als Staub in allen Himmelsrichtungen erscheinen Da die Liebe zum Leben in mir strömt werde ich am leuchtenden Firmament einen Teil jener tröstenden Zärtlichkeit bilden ֎ https://afsaneyebahar.com/2016/10/27/20686975/