Was alles auf der Strecke bleibt. Eine Zusammenstellung von Texten zum militaristischen Denken in Deutschland

Was alles auf der Strecke bleibt
Eine Zusammenstellung von Texten zum militaristischen Denken in Deutschland
15.6.2012

***

(1)

Strafanzeige abgelehnt; Kriegsdebatte geht weiter.
3.6.2010

In einem Schreiben vom 31.5.2010 hat der Generalbundesanwalt beim Bundesgerichtshof (Aktenzeichen 1 AR 655/10; Bearbeiter/in: OAR Vogel) mir mitgeteilt:

„Sehr geehrter Herr Dr. Mortasawi,

Ihre Strafanzeige gegen den Bundespräsidenten, eingegangen am 28.Mai 2010, wurde hier geprüft. Mangels zureichender tatsächlicher Anhaltspunkte für das Vorliegen einer Straftat wurde davon abgesehen, ein Ermittlungsverfahren einzuleiten (§ 152 Abs. 2 StPO).“

Der Bote ist bereits zurückgetreten. Das entsprechende Gedankengut herrscht jedoch weiter und wütet weltweit. Deshalb ist es wichtig, dass eine sachliche entlarvende Debatte über die praktizierte zügellose Verachtung des Lebens und der Lebewesen auf unterschiedlichsten Ebenen fortgeführt wird.

Es darf nicht sein, dass das gewöhnliche geballte Ohren betäubende Schweigen wieder die Oberhand gewinnt.

(2)

Was alles auf der Strecke bleibt
5.3.2011

Der adlige Kriegsherr geht augenscheinlich fort
der bürgerliche Kriegsminister setzt buchstäblich fort
Menschenleben bleibt auf der Strecke

käufliche Politiker regieren
Militär und Rüstungsindustrie delegieren
Kinderträume bleiben auf der Strecke

die Bundeswehr wird zweckdienlich umgebaut
das brüchige Rechtsbewusstsein wird zunehmend abgebaut
das Völkerrecht bleibt auf der Strecke

das verführte Wahlvolk wird schlicht verschaukelt
Humanität und Demokratie werden dreist vorgegaukelt
Achtsamkeit und Gefühle bleiben auf der Strecke

aufdeckende Tatsachen werden bewusst verschwiegen
Dunkelheit und Lügen sollen unumkehrbar siegen
Vernunft und Redlichkeit bleiben auf der Strecke

korrumpierte Wissenschaftler verleiten und vertuschen
ehemalige Friedensfreunde rechtfertigen und kuschen
Rückgrat und Courage bleiben auf der Strecke

professionelle Söldner und freiwillige Soldaten morden
öffentlich als Helden gepriesen werden diese Horden
Menschlichkeit bleibt auf der Strecke

(3)

Die Gretchenfrage* aktualisiert

*Nun sag, wie hast du’s mit der Religion?
Du bist ein herzlich guter Mann,
Allein ich glaub, du hältst nicht viel davon.
(J. W. Goethe: Faust. Eine Tragödie)

Hinter diesem oder jenem Schleier
verhüllt in unterschiedlichstem Gewande
machen Furore auch heute die Geier
unschuldiges Blut bleibt kleben im Sande

wirken Vaterland, Gott und Ehre nicht
werden erfunden neue Begriffe
so wird verdunkelt am Ende die Sicht
verkauft werden Kriegsgeräte und –schiffe

‘failed states’ und ‘humanitäre Intervention’
rechtfertigen den Staatsterror, vertuschen die Intention
mal nackte Gewalt, mal wirtschaftliche Sanktion
am Ende steht hier und da eine neue Bastion

zur Teilnahme an dieser reichen Beute
zur Regierungsfähigkeit nur eine Gretchenfrage
stimmst für den Krieg du heute
der Staat für dich die Sorge trage

(4)

Die unendlichen Geschichten von Herrn B. Erde.
Tote in Freiburg (Friedland).

29.5.2011

Herrn B. Erde und mich verbindet die zufällige, banale Gegebenheit, dass wir beide in Orwellshausen in Absurdistan leben. Er ist wahrhaftig ein sonderbarer Zeitgenosse.

Heute las ich mehrere Tränen rührende Kondolenzanzeigen in der hiesigen städtischen Zeitschrift „Orwellshausener Bote“. Sie waren an Herrn B. Erde gerichtet und bezogen sich auf den Tod seiner Angehörigen in Freiburg (Friedland).

Aus Neugier rief ich ihn an, stellte mich als Publizist vor und fragte nach den näheren Umständen der Todesfälle. Unerwarteter Weise stellte sich der Trauende als sehr gesprächig und wortreich heraus. „Meine stolzen Söhne waren wegen einer heldenhaften, bewaffneten Mission für Gott und Vaterland unterwegs“, sagte er.

„Um Gottes Willen“, erwiderte ich, seine nationalistische, religiös gefärbte Ausdrucksweise zum besseren Verständnis benutzend. „Aber was suchten Ihre Söhne aus Absurdistan in Freiburg (Friedland), und das noch in bewaffneter Form?“, fragte ich entsetzt.

„Wir sind wieder wer. Die schmachvollen Jahre der Gängelung und meine notgedrungenen Lippenbekenntnisse gehören endlich der Vergangenheit an. Wir sind eine große, ruhmreiche Familie, wissend, intelligent, vielseitig begabt, technisch auf dem höchsten Stande, so wie seltene majestätische Sterne im Himmel, die jetzt wieder uneingeschränkt leuchten können“, lautete seine Antwort.

„Nun, über Ihre glorreiche Familiengeschichte bin ich wohl informiert. Trotzdem möchte ich gerne wissen, was Ihre bewaffneten, verstorbenen Angehörigen in Freiburg (Friedland) unternehmen wollten“, erwiderte ich.

„Ich habe doch gesagt, dass wir eine große Familie sind. Meine gefallenen Helden wollten unsere Interessen in Freiburg (Friedland) verteidigen. Die Welt soll wissen, dass wir unsere Interessen überall durchsetzten werden, wenn nötig auch mit kalten und warmen Waffen. Nach Freiburg (Friedland) werden andere Städte an der Reihe sein“, sagte Herr B. Erde unverblümt. Das Telefonat wurde, aus welchem Grund auch immer, unterbrochen.

Mein Blick galt wieder den Kondolenzanzeigen: „… in ehrenvoller Mission für Gott und Vaterland gefallen …“. Da dachte ich, Absurdistan fehlt wohl noch ein adeliger Monarch, damit das alte Trio wieder hergestellt ist.

(5)

Fremdwörter
25.2.2011

Für die Menschen
die in den von uns entfachten Kriegen
leiden und sterben
kommt es nicht darauf an
ob der Kriegsminister
einen akademischen Grad
oder andere Namenszusätze
mit sich schleppt oder nicht
sondern auf die einfache Frage
ob Gehirn, Rückgrat und Herz
bei uns
Fremdwörter darstellen

(6)

Belanglose Banalitäten, banale Belanglosigkeiten?
20.3.2010

Friede, Freude, Eierkuchen!
Zunächst nach den richtigen Zutaten suchen:

Zwei Gläser voll Täuschung und Tarnung,
anderthalb Gläser heuchelnde Warnung,
ein beachtlicher Schuss suggerierte Dummheit,
drei Esslöffel softe Weisheit,
250 g weiche Wahrheit,
eine gute Prise berechnende Vergesslichkeit,
eine Hand voll bedachte Dreistigkeit.

Dann mischen, kneten, knebeln, spalten,
dass keine Systemgefahr aufkommt, darauf achten.
Bald ist fertig der Friedensbrei.
Lasst die Kritiker bellen, das macht frei.
Macht, Geld und der Sitz im Bundestag,
soll uns erhalten bleiben, Tag für Tag.

Friede, Freude, Eierkuchen!
Zunächst nach dem Unverbindlichen suchen!

(7)

Neue Drohnen braucht das Land*
2.4.2010

*Anlässlich der Ausbildung deutscher Soldaten durch Israel im Umgang mit Drohnen.

Es trafen sich die großen Menschenfreunde
aus dem dunklen, deutschen Walde
einst in der kalten Lichtung
in der Nähe der blutroten Halde,
es ging um eine große Sichtung.

Die infame Propaganda der Widersacher
bezeichnete die Versammelten als Verbrecher.
Es waren aber alle nur Lebensretter,
ihre Namen echte Zungenbrecher:
Schiebel Elektronische Geräte,
HighKopter.de, Mavionics,
AirRobot, EMT,
Rheinmetall Defence Electronic,
microdonres, EADS.
Andere blieben unbenannt,
so wollten sie es.

Die Schirmherrschaft dieser Demonstration,
in der Zeit der heiligen Emanzipation,
hatte erwartungsgemäß keine Mängel
sie war eine echte Taube, ein Friedensengel.
Die Dame kam aus der ehemaligen DDR.
Keine doppelte Gleichberechtigung? Aber bitte sehr!

Zunächst eine chirurgisch präzise Ausschaltung
der Feinde der Menschenrechte,
dann kommt die gerechte Verwaltung,
Nation Building für die befreiten Knechte.
Zur Sicherung deutscher Interessen weltweit
Drohnen braucht das Vaterland, seid ihr bereit?
Unsere Responsibility to protect, sagte dann
der wohl ernährte, so weise Vorsitzende,
fange bei deutschen Soldaten an,
sonst drohe uns das dicke Ende:
Särge mit zugerichteten Toten
bei aller Gleichschaltung der Vision
sind weiterhin keine guten Boten
für unsere gepriesene Friedensmission.

Für diese lukrative Feststellung
gab es riesigen Beifall, stehenden Applaus.
Die Lebensretter setzten fort ihre Sitzung
mit Wonne, Weißwurst und Apfelschmaus.

(8)

Sonderbare Widersprüche
29.12.2011

Wir leben wahrhaftig
in einer ungerechten Welt,
die wegen sonderbarer Widersprüche
im Bersten begriffen ist.

Wenn ich aufgrund vielfältiger Tatsachen
führende Personen der „Weltgemeinschaft“
als Massenmörder bezeichne,
erheben sich aus befreundeten Reihen
warnende Stimmen,
verängstigt,
voller Skepsis.

Wenn ich dabei von einem dieser Massenmörder,
der gleichzeitig ein Friedensnobelpreisträger ist,
als eine „terroristische Gefahr“ erachtet werde,
kann er
sich auf geltendes Landesgesetz berufend
mein Verschleppen, Verhören und Foltern einleiten
und letztendlich auch
mein „gezieltes Töten“ veranlassen.

Wenn derselbe Massenmörder,
der besagte Friedensnobelpreisträger,
neue Angriffskriege anzettelnd
den präemptiven Einsatz von Atomwaffen androht
und dabei den Tod unzähliger Menschen
sowie die bleibende Verwüstung blühender Landschaften
billigend in Kauf nimmt,
bekommt er von der „Weltgemeinschaft“
Applaus und Lobesgeschrei.

Wir leben tatsächlich
in einer durch und durch verzerrten Welt,
die nach Veränderungen schreit.

(9)

Tacheles reden.
7.12.2009

۞۞۞

Hin und wieder ist es sinnvoll, ein Fragezeichen hinter Dinge zu setzen, die wir schon lange für selbstverständlich nehmen.

Bertrand Russell

۞۞۞

* Eine Waffe in der Hand bedeutet, potentiell ein Mörder zu sein.

* Der „Verteidigungsminister“ verteidigt gewalttätig die wirtschaftlichen und politischen Interessen der Herrschenden, in dem er als Kriegsminister auftritt.

* Soldaten werden hinausgeschickt, um zu töten. Sie töten, um die Interessen der Herrschenden durchzusetzen.

* Öffentliche Veranstaltungen zur Ehrung der Streitkräfte dienen der psychologischen Vorbereitung weiterer Kriege.

* Die Gegner der Freiheit, Gerechtigkeit und Vernunft verfügen über ein mächtiges Heer bestehend aus Geistes- und Naturwissenschaftlern, Schriftstellern, Dichtern, Künstlern und Journalisten. Damit der Widerstand innerhalb der Bevölkerung nicht entsteht bzw. nicht wächst, wird kontinuierlich Verdunklung und Ablenkung getrieben.

* Eine Mischung aus Lügen, Halbwahrheiten, entmutigenden und demoralisierenden Interpretationen, Verschweigen bestimmter Tatsachen und Aufbauschung anderer Gegebenheiten, Aufbau von Feinbildern und Dämonisierung des potentiellen Gegners ebnen den Weg zum Krieg.

* Die Ausbildung der Polizei und Streitkräfte anderer Staaten ist ein Teil der postkolonialen Politik zum Delegieren der erforderlichen Dreckarbeit an die Einheimischen. So wird der Verlust in den eigenen Truppen klein gehalten und die Gefahr einer Auflehnung gegen den Krieg im eigenen Lande bekämpft.

* Aggression und Abschottung nach außen sowie Sozialabbau und Repression im inneren sind zwei Seiten derselben Medaille.

* Der ‚Aufbau ziviler Strukturen‘ und die ‚zivil-militärische Zusammenarbeit‘ dienen der Sicherung des Waren- und Rohstoff-Flusses im Sinne einer mächtigen Minderheit.

* Die Bundeswehr wird in eine schlagkräftige Truppe umgewandelt, die überall auf der Welt eingesetzt werden kann.

* Mit Hilfe der Europäische Sicherheits- und Verteidigungspolitik (ESVP) wurden nicht nur über 22 ESVP-Missionen und -Operationen in drei Kontinenten eingeleitet, die das gesamte Spektrum der Aufgaben der „Konfliktverhütung“, der „Krisenbewältigung“ und der „Friedenskonsolidierung nach Konflikten“ abdecken, sondern auch Arbeitsstrukturen reformiert, Planungskapazität ausgearbeitet und weiterentwickelt, „Krisenbewältigungs- und Krisenreaktionsfähigkeit“ verbessert und die Zusammenarbeit der Europäischen Union (EU) mit wichtigen Partnern und beitragenden Drittstaaten intensiviert.

* Die EU wird zu einer militärischen Union (MU) umgebaut und der Einsatz der Streitkräfte im Inneren trotz der Lehren aus der jüngeren deutschen Geschichte ermöglicht.

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