Drei notwendige Fragen an die Linken. Von Günter Rexilius (August 2026)

Drei notwendige Fragen an die Linken

Von Günter Rexilius

August 2026

Auf dem Kongress der Neuen Gesellschaft für Psychologie e.V. (NGfP), der vom 26. bis 29. März 2026 in Berlin stattfand, hielt Günter Rexilius den Vortrag „Und wir?“. Rexilius, Jahrgang 1943, ist Psychotherapeut, Mitbegründer der Zeitschrift Psychologie und Gesellschaftskritik und der NGfP sowie Autor. Der Beitrag erschien unter dem Titel „Drei notwendige Fragen an die Linken“ im August 2026 im Promedia Verlag in dem Sammelband Rasende Zerstörung. Wirtschaftliche, politische und psychosoziale Folgen der Kriegsvorbereitung.

Die vorliegende Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Autors und des Verlags.

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Aufgewachsen in der DDR, hatten hoffnungsvolle junge LehrerInnen, die vom Aufbau des Sozialismus überzeugt waren, in mir eine Ahnung von einer gerechten und friedlichen Gesellschaft in meinem Denken und Fühlen verankert.

Im Psychologiestudium ab 1966 in Bochum konnte ich mit meiner tiefen Abneigung gegen den alltäglichen Kapitalismus gleich dreifach andocken: Das Studium wurde zur Plattform für die Überwindung angepasster Wissenschaft, in marxistischer Analyse geschult wollten wir linken Studierenden der sogenannten Marktwirtschaft, diesem euphemistischen Etikett für kapitalistische Ausbeutung, entgegentreten. Kapitalismuskritik, Imperialismuskritik, Wissenschaftskritik waren für uns so selbstverständlich wie das Hinterfragen der praktischen Arbeit, etwa der Verhaltenstherapie als technokratische Anpassung an die Gesellschaft, die systemaffine Kooperation der akademischen Zunft in Schulen und Hochschulen, in den Knästen, im sozialen Feld, eigentlich in allen gesellschaftlichen Bereichen. Unsere Gegenentwürfe der sozialen und therapeutischen Arbeit hatten emanzipatorischen Anspruch, verbunden mit der Hoffnung auf eine bessere, eine gerechte Welt. Wir bauten Kinderläden auf, Gesundheitszentren und alternative Schulen, wir machten subversive Knastarbeit und mobilisierten in Obdachlosenasylen. Und wir beteiligten uns an dem, was man durchaus psychiatrische Revolution nennen kann, als demokratische Psychiatrie in Italien, als Sozialpsychiatrie in Deutschland – ich war direkt beteiligt an der Auflösung der Langzeitpsychiatrie Kloster Blankenburg in Bremen –, als Antipsychiatrie in Großbritannien, als radikale Psychiatrie in den USA, als Umwälzung der institutionellen Psychotherapie in Frankreich. Wir konnten den kantigen Worten des Salzburger Psychoanalytikers Igor Caruso aus dem Büchlein »Soziale Aspekte der Psychoanalyse« zustimmen: »Die geschichtliche Aufgabe des Menschen kann wie folgt zusammengefasst werden: Sowohl die Zustände als auch das Bewußtsein in dialektischer Wechselwirkung zu ändern … Das gilt für das Bewußtsein des Gattungswesens Mensch und für das des Privatmenschen … Die Kluft zwischen diesen beiden Ebenen kann, wie Marx erkannte, letztlich nur durch Veränderung der gesellschaftlichen Zustände erreicht werden, jedoch nicht ohne individuelle Anstrengung« (Caruso, 1972, S. 175). Viele von uns waren bereit, zu dieser notwendigen gesellschaftlichen Veränderung ihren Beitrag zu leisten. Heute, 50 Jahre später und ernüchtert von den Ergebnissen unserer Anstrengungen, stellen sich viele Fragen, die sich auch an uns erklärte Linke richten. Drei, die mir besonders drängend erscheinen, möchte ich erörtern.

Weiterlesen: GR2026

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Siehe auch:

Zur Debatte: ein Vorstoß in das zentrale Nervensystem der bürgerlichen Gesellschaft

Eine kurze Geschichte des gewöhnlichen Faschismus

Von Günter Rexilius

11.11.2024

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Rasende Zerstörung

Wirtschaftliche, politische und psychosoziale Folgen der Kriegsvorbereitung

Herausgeber: Klaus-Jürgen Bruder (†), Almuth Bruder-Bezzel (†), René Kirschey, Benjamin Lemke, Conny Stahmer-Weinandy

Mit Beiträgen von: Rudolph Bauer, Eva Borst, Almuth Bruder-Bezzel (†), Klaus-Jürgen Bruder (†), Günther Burbach, Wolfgang Bittner, Eugen Drewermann, Wolfgang Effenberger, Magda von Garrel, Annette Groth, Hannes Hofbauer, Wolfgang Krieger, Benjamin Lemke, Karin Leukefeld, Michael Schneider, Manfred Sohn, Conny Stahmer-Weinandy, Günter Rexilius, Werner Rügemer, Ursula Vogt und Norbert Wohlfahrt

Erstauflage August 2026, Promedia Verlag, Wien

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Kampf der Giganten

Warum China und Russland die globale Vorherrschaft der USA ablehnen

Von Daniele Ganser

Erstauflage September 2026, Westend Verlag, Neu-Isenburg

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