„… Das „Stalingrad-Moment“ ist in Lüders’ Deutung eine Zäsur im Selbstverständnis westlicher Machtpolitik. Es bezeichnet den Punkt, an dem Hybris und strategische Kurzsichtigkeit in einen strukturellen Rückschlag umschlagen. Der Iran werde einen hohen Preis zahlen, vielleicht einen furchtbaren. Doch besiegen lasse sich dieses Land nicht. „Ein Land mit einer 5000-jährigen Kultur“, sagt Lüders, lasse sich nicht in die Steinzeit bomben, um anschließend in einem „Groß-Israel“ in Frieden zu leben.
Lüders zeichnet das Bild einer Welt, in der normative Ordnungen brüchig geworden sind, in der religiöse Symbolik geopolitische Kalküle überlagern. Es ist Anklage und Warnruf zugleich. Er fordert, den Angriff klar zu benennen, Deeskalation zu suchen und die ideologischen Scheuklappen abzulegen. „Man sollte nicht Zerstörung mit Befreiung verwechseln“, sagt er. Der Krieg, so Lüders, bringe keine Erlösung, sondern eine Spirale von Gewalt, deren Ende nicht abzusehen sei. Wer dies ignoriere, riskiere mehr als eine regionale Krise. Er riskiere eine Verschiebung der Weltordnung – ein Stalingrad im globalen Maßstab.“
Das Stalingrad-Moment
Ein Krieg, der als begrenzte Operation deklariert wird, entfaltet eine Dynamik, die weit über militärische Kalküle hinausreicht – historisch, religiös und geopolitisch. Der Nahost-Experte Michael Lüders spricht von einem Kipppunkt, der die Weltordnung verändern könnte.
Von Sabiene Jahn
5.3.2026
„Egal, was man vom politischen System im Iran hält oder nicht, der Angriff der USA und Israels auf den Iran ist ein völkerrechtswidriger Angriffskrieg. Daran gibt es nichts zu beschönigen oder zu interpretieren.“ Mit dieser Setzung beginnt Michael Lüders seinen Vortrag, und es ist keine beiläufige Bemerkung. Es ist eine juristische und moralische Festlegung. „Es ist ein freiwillig gewählter Krieg der USA und Israels mit dem erklärten Ziel eines Regimewechsels im Iran“, sagt er. Die Wortwahl ist unmissverständlich. Lüders insistiert auf dem Begriff des Angriffskrieges, nicht des Präventivschlags, nicht der Verteidigungsmaßnahme, nicht der Eskalation in einer unübersichtlichen Lage, sondern eines „völkerrechtswidrigen Angriffskrieges“, der „durch nichts zu rechtfertigen“ sei.
Er erinnert daran, dass noch eine Stunde vor Beginn der Angriffe Verhandlungen unter Vermittlung Omans stattfanden und „vor einer Lösung standen“. Dennoch sei die Entscheidung zum Angriff gefallen. Für Lüders ist dies kein Zufall, sondern Indiz einer strategischen Linie. Weder Washington noch Tel Aviv hätten jemals ernsthaft beabsichtigt, sich mit Teheran zu arrangieren. Ziel sei vielmehr, „den letzten verbliebenen hegemonialen Staat in der Region auszuschalten“, der westlichen Vorherrschaftsansprüchen im Nahen und Mittleren Osten im Wege stehe. Die Begründungen – Atomprogramm, ballistische Raketen, Sicherheitsinteressen – seien rhetorische Vorfelder gewesen. „Am Ende hat man die Katze aus dem Sack gelassen: Regimewechsel.“
Damit verknüpft Lüders eine historische Erinnerung. Das Atomabkommen von 2015, von der EU-Troika mitverhandelt, sei funktionsfähig gewesen, bevor es 2018 von Donald Trump aufgekündigt wurde. Er spricht von einer wiederholten Inszenierung. Verhandlungsbereitschaft als Fassade und militärische Eskalation als Ziel. In dieser Lesart erscheint der Krieg nicht als Folge gescheiterter Diplomatie, sondern als deren bewusste Sabotage.
Weiterlesen: https://globalbridge.ch/das-stalingrad-moment/
PDF: sj7.3.2026
Angriff auf den Iran: Armageddon im Orient?
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Siehe auch:
8. Tag im Angriffskrieg gegen den Iran
Der Angriffskrieg von USA und Israel begann am 28. Februar. Seitdem bombardieren diese Länder den Iran praktisch ohne Unterbrechung. Nach der Ermordung des geistlichen Führers und Staatschefs mit Teilen seiner Familie forderte der US-Präsident die bedingungslose Kapitulation und dass er die Führung des iranisches Staates bestimmen kann.
Von Peter F. Mayer und Jochen Mitschka
7.3.2026
https://tkp.at/2026/03/07/8-tag-im-angriffskrieg-gegen-den-iran-ticker-1700-uhr/
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Fünf wichtige Erkenntnisse aus dem Krieg der USA und Israels gegen den Iran
Washington und Tel Aviv haben einen Krieg begonnen, ohne dass es dafür eine klare Rechtfertigung, erreichbare Ziele oder eine solide Koalition gibt. Die Folgen dieses Krieges gegen den Iran drohen nun weit über den Nahen Osten hinaus zu reichen.
Von Auguste Maxime
7.3.2026
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Der Schutzschild ist weg – Iran zerstört vier THAAD-Systeme am Golf
Vier Koordinaten und vier bestätigte Trefferorte. Vier der Kronjuwelen der amerikanischen Raketenabwehr – das Terminal High Altitude Area Defense System, das AN/TPY-2-Radar … die Augen der gesamten Luftabwehrarchitektur am Golf – wurden getroffen, verkohlt und in mindestens einem Fall als zerstört bestätigt. Das Pentagon will dies nicht bestätigen. Natürlich will es das nicht. „Aus Gründen der Operationssicherheit werden wir uns nicht zum Status spezifischer Fähigkeiten in der Region äußern.“ Das ist die institutionelle Reaktion eines Imperiums, das gerade einen strategischen Schock erlitten hat, den es dem amerikanischen Volk nicht erklären kann.
7.3.2026
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Noch klatschen sie Beifall
Wenn „das Gute“ das Recht ersetzt und Fanatismus das Denken. Der Angriffskrieg gegen Iran und die Unmöglichkeit, die Coronazeit aufzuarbeiten. Ein Kommentar.
Von Emilie Böhm
7.3.2026
https://overton-magazin.de/top-story/noch-klatschen-sie-beifall/
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Große Männer machen Geschichte?
Sind Donald Trump, Benjamin Netanjahu und Ali Khamenei große Männer, die Geschichte machen? Kommt darauf darauf an, von welchem Standpunkt aus gesehen.
Von Moshe Zuckermann
7.3.2026
https://overton-magazin.de/top-story/grosse-maenner-machen-geschichte/
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Krieg gegen den Iran
Karin Leukefeld im Gespräch mit Ullrich Mies
3.3.2026
https://apolut.net/im-gespraech-karin-leukefeld-7/
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