Israel, der Staat, der den Holocaust zum Argument seiner Errichtung hat werden lassen, faschisiert sich zunehmend. Wie ist das möglich? Von Moshe Zuckermann (14.2.2026)

„[…] In seinen Anfängen enthielt der Zionismus in der Tat sozialistische Ansätze, die sich etwa in der Kibbutz-Bewegung, aber auch in einer starken Gewerkschaft und Arbeiterorganisation niederschlugen. Man kann behaupten, dass die Ideologie der Staatsgründer vor und auch lange Zeit nach der Staatserrichtung linksorientiert war. Und dennoch darf man sich nicht täuschen lassen – auch in den Regierungszeiten des linken Zionismus wirkten in seinem Rahmen dominante politisch-ideologische Elemente, die der territorialen Expansion und nach 1967 der perpetuierten Okkupation das Wort redeten.

Das Selbstverständnis der zionistischen Linken war in der Tat von Anbeginn durch den Israelisch-palästinensischen Konflikt zutiefst kontaminiert. Die Araber waren Feinde, und zwar nicht nur in den benachbarten Staaten, sondern als nichtzionistische Staatsbürger auch im Innern des Landes. Das (mittlerweile zum Fetisch geronnene) „Sicherheitsproblem“ bestimmte die soziale und politische Kultur des Landes in vielerlei Hinsicht, nicht zuletzt aber das linke Selbstverständnis. Der israelische Militarismus hat seine Quellen in einer realen historischen Notwendigkeit, entfaltete aber im Laufe der Jahre ein eigentümliches Eigenleben, das zum ausgesprochenen Erbteil der rechten Ideologie des Landes verkam. Das will wohlverstanden sein: Der Militarismus begann nicht mit der Heraufkunft der israelischen Rechten, aber es war die israelische Rechte, die ihn zum faschistischen Politikum hat heranwachsen lassen. […]“

„[…] Die Okkupation besteht schon seit bald 60 Jahren, die Nakba samt ihrere Auswirkungen auf die Wahrnehmung der Palästinenser in Israel ist bald 80 Jahre alt. Der Hang zum Faschismus ist in der israelischen Gesellschaft schon lange wirksam, ohne dass die Bevölkerung sich dessen bewusst wäre bzw. sich bereit zeigte, dies zuzugeben. Von möglicher Aufarbeitung dessen, was sich im israelisch-palästinensischen Konflikt von israelischer Seite manifestiert, kann ohnehin nicht die Rede sein. […]“

„[…] Was an Israels politischer Kultur (mithin am besagten Rechtsruck) verstört, ist die Tatsache, dass die Berufung auf die Shoah, die selbst schon in Israel zur Ideologie der permanenten Selbstviktimisierung verkommen ist, sich mit einer (unreflektiert bleibenden) Ideologie verbindet, die Menschenverachtung, Unterdrückung und massives humanes Leid bewirkt. Die Erklärung dafür bleibt vorerst aus. […]“

 

Rechtsruck in Israel

Israel, der Staat, der den Holocaust zum Argument seiner Errichtung hat werden lassen, faschisiert sich zunehmend. Wie ist das möglich?

Von Moshe Zuckermann

14.2.2026

Moshe Zuckermann wuchs als Sohn polnisch-jüdischer Holocaust-Überlebender in Tel Aviv auf. Seine Eltern emigrierten 1960 nach Frankfurt am Main. Nach seiner Rückkehr nach Israel im Jahr 1970 studierte er an der Universität Tel Aviv, wo er am Institute for the History and Philosophy of Science and Ideas lehrte und das Institut für deutsche Geschichte leitete. 2018 wurde er emeritiert. Sein Buch In der Wüste der Gegenwart, das er zusammen mit Florian Rötzer geschrieben hat, erscheint demnächst.

Man hört oft die Behauptung, der drastische Rechtsruck der israelischen Gesellschaft liege im globalen Trend; die gesamte Welt habe sich gesellschaftlich wie politisch nach rechts bewegt. Das mag stimmen, und doch wirft die ideologische Metamorphose in Israel Fragen auf, die über das Gegenwärtige hinausweisen. Die fundamentale Verwunderung über sie setzt in der jüdischen Geschichte an.

Weiterlesen: https://overton-magazin.de/top-story/rechtsruck-in-israel/

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Siehe auch:

«Israel will die Landkarte des Grossen Mittleren Ostens neu bestimmen»

Interview mit Karin Leukefeld, freie Journalistin und Nahost-Expertin

Zeitgeschehen im Fokus, Ausgabe 3/2026

https://afsaneyebahar.com/2026/02/05/20706013/

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Board of Peace

Der Raub, den sie „Frieden“ nennen

Von Michael Hollister

Teil 1: 1.2.2026

https://www.michael-hollister.com/de/2026/02/01/board-of-peace-teil-1/

Teil 2: 8.2.2026

https://www.michael-hollister.com/de/2026/02/08/board-of-peace-teil-2/

Teil 3: folgt

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Ein Tag der Schande!

Wie weiter in den besetzten palästinensischen Gebieten?

Von Karin Leukefeld

26.12.2025

https://afsaneyebahar.com/2025/12/27/20705803/

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Die Anatomie der Staatsräson

Israel: Die Maschine der Unterwerfung

Von Anna Zollner

17.10.2025

https://afsaneyebahar.com/2025/10/18/20705137/

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