Normalisierung des Anomalen. Von Moshe Zuckermann (23.11.2024)

Normalisierung des Anomalen

Israels Verteidigungsminister ist zweimal entlassen worden, einmal im März 2023, das zweite Mal im November 2024. Was ist in der Zwischenzeit geschehen?

Von Moshe Zuckermann*

23.11.2024

* Moshe Zuckermann wuchs als Sohn polnisch-jüdischer Holocaust-Überlebender in Tel Aviv auf. Seine Eltern emigrierten 1960 nach Frankfurt am Main. Nach seiner Rückkehr nach Israel im Jahr 1970 studierte er an der Universität Tel Aviv, wo er am Institute for the History and Philosophy of Science and Ideas lehrte und das Institut für deutsche Geschichte leitete. 2018 wurde er emeritiert.

Vergleicht man die Reaktion auf die erste Entlassung des israelischen Verteidigungsministers Yoav Gallant durch Premierminister Benjamin Netanjahu im März 2023 mit der Reaktion auf die zweite und endgültige im November 2024, so fällt der Unterschied in der Massivität und Vehemenz der beiden Ereignisse auf.

Während die Nachricht von der Entlassung im Jahre 2023 eine spontane Reaktion von rund 200.000 Israelis zeitigte, die mehrere Tage anhielt und durch eine solche Demonstrations- und Protestintensität gekennzeichnet war, dass sich Netanjahu gezwungen sah, den Vollzug der bereits ausgesprochenen Entlassung aufzuschieben. Gallant blieb de facto im Amt. Als es nun zur endgültigen Entlassung kam, gab es zwar wieder eine Nacht von Demonstrationen nach dem Vorbild der ersten, an denen sich aber deutlich weniger Menschen beteiligten, und die nach dieser Nacht abebbten. Es mochte scheinen, als handle es sich eher um eine Pflichtübung – die emphatische Verve war nicht mehr da. Die erste Entlassung wurde mit der Behauptung Gallants begründet, der damals von Benjamin Netanjahu und seinem Gesinnungsumfeld versuchte Staatsstreich gefährde Israels Sicherheit.

Man hat es schon vergessen, aber vor dem 7. Oktober war Israel neun Monate lang durch Dauerdemonstrationen gebeutelt, die sich mit aller verbliebenen zivilgesellschaftlichen Kraft gegen Auflösung und Zerstörung der ohnehin arg geschwächten formalen Demokratie des zionistischen Staates aufbäumten; es handelte sich um den Versuch eines Staatsstreichs, der von Netanjahus rechtsradikalen Regierungskoalition als Justizreform ausgegeben wurde. Schon damals geriet Gallant ins Visier der Netanjahu-Familie und der Giftmaschine der Bibisten (= Anhänger Netanjahus, die für eine autoritäre Politmentalität des Kadavergehorsams stehen). Indem er sich durch eine Position profilierte, die eine ehrliche Sorge um die Sicherheit des Landes bekundete (Reservisten, auch Kampfpiloten der Reserve hatten angedroht, sich nicht mehr dem freiwilligen Dienst zu stellen), unterwanderte er das Ansinnen des Regierungschefs, die israelische Justiz aus persönlichem Interesse zu schwächen und an entscheidender Stelle zu demontieren. So wurde Gallant zum Feind erklärt, den es zu bekämpfen und auszuschalten galt.

Weiterlesen: https://overton-magazin.de/top-story/normalisierung-des-anomalen/

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Siehe auch:

Statement Dr. Schuster zum Haftbefehl gegen Netanjahu und Gallant

[Dr. Josef Schuster ist Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland.]

21.11.2024

https://www.zentralratderjuden.de/aktuelle-meldung/artikel/news/statement-dr-schuster-zum-haftbefehl-gegen-netanjahu-und-gallant/

„Dieser Haftbefehl gegen einen Premierminister eines demokratischen Staates und seinen früheren Verteidigungsminister ist eine Absurdität. Israel verteidigt sich nach dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023 gegen islamistischen Terror in Gaza und im Libanon. Allein der semantische Dualismus, Israel auf eine Stufe mit der Hamas zu stellen, grenzt an Unverfrorenheit und vollkommen verfehlten Amtsverständnis eines internationalen Strafgerichtshofs in Folge einer Anti-Israel-Propaganda. Die Bundesregierung darf diese Täter-Opfer-Umkehr nicht akzeptieren.“

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Israel tut, was es tut; es war immer so geplant

Von Alastair Crooke

14.10.2024

https://afsaneyebahar.com/2024/10/15/20702248/

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Gaza, US-Wahlergebnis, Israels und UNO

Von Jochen Mitschka

21.11.2024

https://afsaneyebahar.com/2024/11/21/20702806/

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Was geschieht

Von Erich Fried (1921-1988)


Es ist geschehen
und es geschieht nach wie vor
und wird weiter geschehen
wenn nichts dagegen geschieht.

Die Unschuldigen wissen von nichts,
weil sie zu unschuldig sind
und die Schuldigen wissen von nichts,
weil sie zu schuldig sind.

Die Armen merken es nicht,
weil sie zu arm sind
und die Reichen merken es nicht,
weil sie zu reich sind.

Die dummen zucken die Achseln,
weil sie zu dumm sind
und die Klugen zucken die Achseln,
weil sie zu klug sind.

Die Jungen kümmert es nicht,
weil sie zu jung sind,
und die Alten kümmert es nicht,
weil sie zu alt sind.

Darum geschieht nichts dagegen
und darum ist nichts geschehen
und geschieht nach wie vor
und wird weiter geschehen.

Quelle: https://das-palaestina-portal.de/texte/erich_fried.htm