Wie die Neokonservativen ab Anfang der 1990er Jahre die Vorherrschaft über den Frieden gestellt haben
Von Jeffrey D. Sachs
4.9.2024
https://www.jeffsachs.org/newspaper-articles/bfsmbpe4plx7cc6lgxhf37lx249r22
Übersetzung von Andreas Mylaeus
1989 war ich als Berater für die erste postkommunistische Regierung Polens tätig und half bei der Ausarbeitung einer Strategie zur finanziellen Stabilisierung und wirtschaftlichen Umgestaltung. Meine Empfehlungen aus dem Jahr 1989 forderten eine umfassende finanzielle Unterstützung der polnischen Wirtschaft durch den Westen, um eine galoppierende Inflation zu verhindern, eine konvertierbare polnische Währung mit einem stabilen Wechselkurs zu ermöglichen und den Handel und Investitionen mit den Ländern der Europäischen Gemeinschaft (heute Europäische Union) zu öffnen. Diese Empfehlungen wurden von der US-Regierung, der G7 und dem Internationalen Währungsfonds beherzigt.
Auf meinen Rat hin wurde ein 1 Milliarde Dollar schwerer Zloty-Stabilisierungsfonds eingerichtet, der als Rückhalt für die neu konvertierbare Währung Polens diente. Polen wurde ein Aufschub für den Schuldendienst für die Schulden aus der Sowjetzeit gewährt, und dann ein teilweiser Erlass dieser Schulden. Polen wurde von der offiziellen internationalen Gemeinschaft erhebliche Entwicklungshilfe in Form von Zuschüssen und Darlehen gewährt.
Die anschließende wirtschaftliche und soziale Leistung Polens spricht für sich. Obwohl die polnische Wirtschaft in den 1980er Jahren ein Jahrzehnt des Zusammenbruchs erlebt hatte, begann in Polen Anfang der 1990er Jahre eine Phase des raschen Wirtschaftswachstums. Die Währung blieb stabil und die Inflation niedrig. 1990 betrug das BIP pro Kopf (gemessen in Kaufkraftparitäten) in Polen 33 % des benachbarten Deutschlands. Bis 2024 hatte es nach Jahrzehnten des rasanten Wirtschaftswachstums 68 % des deutschen BIP pro Kopf erreicht.
Aufgrund des wirtschaftlichen Erfolgs Polens wurde ich 1990 von Herrn Grigory Yavlinsky, dem Wirtschaftsberater von Präsident Michail Gorbatschow, kontaktiert, um der Sowjetunion ähnliche Ratschläge zu erteilen und insbesondere bei der Mobilisierung finanzieller Unterstützung für die wirtschaftliche Stabilisierung und Transformation der Sowjetunion zu helfen. Ein Ergebnis dieser Arbeit war ein Projekt, das 1991 an der Harvard Kennedy School mit den Professoren Graham Allison, Stanley Fisher und Robert Blackwill durchgeführt wurde. Gemeinsam schlugen wir den USA, den G7-Staaten und der Sowjetunion einen „Grand Bargain“ vor, in dem wir uns für eine umfassende finanzielle Unterstützung der laufenden wirtschaftlichen und politischen Reformen Gorbatschows durch die USA und die G7-Staaten aussprachen. Der Bericht wurde am 1. Oktober 1991 unter dem Titel „Window of Opportunity: The Grand Bargain for Democracy in the Soviet Union“ veröffentlicht.
PDF: JS4.9.2024
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Siehe auch:
37. Peisweiler Gespräch mit Prof. Dr. Gabriele Krone-Schmalz
1.9.2024
https://afsaneyebahar.com/2024/09/13/20701824/
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Anmerkung:
Näheres zu den Begriffen „Liberalismus“, „Neoliberalismus“ und „Neocons“ ist in dem folgenden lesenswerten Buch zu finden:
Hybris und Nemesis
Wie uns die Entzivilisierung von Macht in den Abgrund führt – Einsichten aus 5000 Jahren
Von Rainer Mausfeld
512 Seiten
Erste Auflage November 2023, Westend Verlag GmbH, Neu-Isenburg
ISBN: 978-3-86489-407-7
https://afsaneyebahar.com/2024/07/17/20700932/
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