Die langen Schatten des Ersten Weltkriegs. Teil 2: Keineswegs schlafwandelnd in den Krieg. Von Wolfgang Effenberger (1.8.2024)

Die langen Schatten des Ersten Weltkriegs

Teil 2: Keineswegs schlafwandelnd in den Krieg

Von Wolfgang Effenberger

1.8.2024

US-Präsidentenberater “Colonel” House machte sich im Frühjahr 1914 in diplomatischer Mission auf den Weg nach Europa, wo er am 27. Mai mit dem deutschen Außenminister von Jagow und Marineminister Admiral von Tirpitz dinierte. Letzterer kam im Gespräch auf die Thesen des US-Admiral Thayer Mahan zu sprechen. Mahan, Dozent für Marinegeschichte und Präsident des United States Naval War College, hatte 1890 eine revolutionäre Analyse der Bedeutung der Seemacht als Faktor für den Aufstieg des britischen Empire veröffentlicht.(1) Von ihm stammt das Axiom: Die Bedeutung einer Kriegsmarine ergibt sich aus dem Produkt der Kampfkraft aller Schiffe und der Anzahl der weltweiten Stützpunkte. Letzter Faktor bewegte sich für Deutschland gegen Null!

Nach diesem Disput unterstellte House dem Admiral von Tirpitz eine antibritische Einstellung und wurde sogleich konkret: Sollte Deutschland die Überlegenheit der britischen Seemacht gefährden, würde es untergehen.(2) Die genauen Vergleichszahlen der Kampfschiffe samt ihren operativen Einsatzmöglichkeiten zeigen indes deutlich auf, dass Deutschland zu keinem Zeitpunkt auch nur annähernd in der Lage gewesen wäre, England von den Weltmeeren zu fegen: Bis 1917 waren gerade einmal 58 Großkampfschiffe (Linienschiffe und Panzerkreuzer) gebaut worden – von England als “existenziell bedrohlich” empfunden – während der Inselstaat selbst 138, darunter 113 wesentlich modernere Schiffe, zum Einsatz bringen konnte. Daneben waren 55 französische und 41 russische Großkampfschiffe im Dienst. Eine erstaunliche Analyse des Kräfteverhältnisses ist im britischen “Naval Annual” von 1900 nachzulesen: Demnach konnte die deutsche Flotte die britische Seeherrschaft niemals gefährden.(3) Dazu fehlten einfach die weltweiten Stützpunkte. Basen in Kiel und Wilhelmshaven und einem einzigen Überseestützpunkt in Laztschou in Nordostchina, konnten die ozeanischen Seeverbindungen der Navy nicht bedrohen. Diese Zusammenhänge mussten House bekannt gewesen sein.

Zwei Tage später schrieb House aus Berlin an US-Präsident Woodrow Wilson:

„Es gibt zu viel Hass, zu viele Eifersüchteleien. Wann immer England einwilligt, werden Frankreich und Russland Deutschland und Österreich einschließen. England will nicht, daß Deutschland völlig zerschlagen wird, denn dann müßte es allein mit seinem alten Feind Rußland rechnen [Triple-Entente – 1907 geschlossenes informelles Bündnis zwischen dem Vereinigten Königreich, Frankreich und Russland, W.E. ]; aber wenn Deutschland auf einer immer größer werdenden Flotte besteht, hat England keine andere Wahl“.(4)

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Siehe auch:

Die langen Schatten des Ersten Weltkriegs

Teil 1: Der lange Weg in das Verhängnis Europas

Von Wolfgang Effenberger

25.7.2024

https://afsaneyebahar.com/2024/07/25/20701144/

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Weitere Schriften von Wolfgang Effenberger

https://afsaneyebahar.com/category/wolfgang-effenberger/

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