Libertäre – Denkanstöße
Von Mark Wauck
12.5.2024
Übersetzung von Andreas Mylaeus
Neulich habe ich Karl Polanyis Kritik am Neoliberalismus oder, wenn Sie so wollen, am Libertarismus vorgestellt. Die Vorherrschaft dieser magischen Form des wirtschaftlichen Denkens ist eines der Hauptprobleme der USA im Allgemeinen, denn sie hat uns in das wirtschaftliche Loch geführt, in das wir uns immer tiefer hineingraben. Es ist auch ein wichtiger Glaubenssatz für viele so genannte Konservative. Hier ist der Kern von Polanyis Kritik:
Karl Polanyis gescheiterte Revolution – Die liberale Weltordnung bricht wieder einmal zusammen
Dies führt zur dritten Ebene von Polanyis Kritik, die die orthodoxe liberale Erklärung für den Aufstieg des Kapitalismus demontiert. Gerade weil die Marktwirtschaft nichts Natürliches an sich hat, sondern einen Versuch darstellt, die natürliche Ordnung der Gesellschaften zu stören, kann sie niemals spontan entstehen – und sie kann sich auch nicht selbst regulieren. Im Gegenteil, der Staat war notwendig, um Veränderungen in der sozialen Struktur und im menschlichen Denken zu erzwingen, die eine wettbewerbsfähige kapitalistische Wirtschaft ermöglichten. Die proklamierte Trennung von Staat und Markt sei eine Illusion, so Polanyi. Märkte und der Handel mit Waren sind Teil aller menschlichen Gesellschaften, aber um eine „Marktgesellschaft“ zu schaffen, müssen diese Waren einem größeren, kohärenten System von Marktbeziehungen unterworfen werden. Dies ist etwas, das nur durch staatlichen Zwang und Regulierung erreicht werden kann.
„Laissez-faire hatte nichts Natürliches an sich; freie Märkte hätten niemals entstehen können, indem man den Dingen einfach ihren Lauf ließ“, schrieb er. „Laissez-faire war geplant… [es] wurde vom Staat erzwungen.“ Polanyi bezog sich dabei nicht nur auf die „enorme Zunahme des kontinuierlichen, zentral organisierten und kontrollierten Interventionismus“, der zur Durchsetzung der Marktlogik erforderlich war, sondern auch auf die Notwendigkeit staatlicher Repression, um der unvermeidlichen Reaktion – der Gegenbewegung – derjenigen entgegenzuwirken, die die sozialen und wirtschaftlichen Kosten der Entbettung zu tragen hatten: Familien, Arbeiter, Landwirte und kleine Unternehmen, die den spaltenden und zerstörerischen Kräften des Marktes ausgesetzt waren.
Mit anderen Worten: Die Unterstützung staatlicher Strukturen – zum Schutz des Privateigentums, zur Überwachung des Umgangs der verschiedenen Mitglieder der herrschenden Klasse miteinander, zur Bereitstellung von Dienstleistungen, die für die Reproduktion des Systems unerlässlich sind – war die politische Voraussetzung für die Entwicklung des Kapitalismus. Und doch ist die Notwendigkeit des Staates für das Funktionieren des Marktliberalismus paradoxerweise auch der Hauptgrund für seine anhaltende intellektuelle Attraktivität. Gerade weil es keine reinen, sich selbst regulierenden Märkte geben kann, können seine Verfechter, wie z.B. die heutigen Libertären, immer behaupten, dass das Versagen des Kapitalismus auf das Fehlen wirklich „freier“ Märkte zurückzuführen sei.
Und doch waren sich selbst Polanyis ideologische Feinde, Neoliberale wie Hayek und Mises, durchaus bewusst, dass der sich selbst regulierende Markt ein Mythos ist.
Weiterlesen: MW12.5.2024
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Siehe auch:
Tensions Between Israel & the US – Alastair Crooke, Alexander Mercouris & Glenn Diesen
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Wie in Russland über die Europareise des chinesischen Präsidenten berichtet wird
Letzte Woche hat der chinesische Präsident Xi Europa besucht. Öffentlich ist es dabei verhältnismäßig unspektakulär zugegangen, aber das russische Fernsehen hat auf wichtige Details hingewiesen, über die deutsche Medien nicht berichtet haben.
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13.5.2024
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Weshalb wächst Russlands Wirtschaft
Wieder einmal haben Weltbank und Internationaler Währungsfonds die Schätzungen für das russische Wirtschaftswachstum angehoben. Wie ist zu erklären, dass nicht nur die Sanktionen nicht zum erwarteten Zusammenbruch führten sondern zudem Russlands Wirtschaft stärker wächst als die europäische?
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13.5.2024
https://apolut.net/deshalb-waechst-russlands-wirtschaft-von-ruediger-rauls/
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