Die Veröffentlichung des Artikels erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Autorin.
Das Kreuz mit der Moral!
Von Verena Tobler Linder
16. August 2023
Als Altlinke und überzeugte Atheistin reagiere ich auf einen Artikel im Infosperber1 mit einem Protest: die leidige Koranverbrennerei zeugt von einer struktur- und systemblinden Arroganz! Bevor ich diesen Anwurf begründe, zweierlei:
- Während der Iraker Salwan Momikac in Schweden provokativ einen Koran verbrennt, denkt der in Ägypten geborene und heute in Deutschland lebende Politikwissenschafter Hamed Abdel-Samad indes konstruktiv darüber nach. Nur weshalb übersieht er, dass in Deutschland bestraft wird, wer eine EU-Flagge verbrennt? Und es irritiert, wenn er den protestierenden Muslimen vorwirft, ihnen seien ein paar Seiten Papier wichtiger als das Leben Tausender von Menschen, weil sie den Protest gegen den IS unterlassen hätten. Warum blendet er aus, dass die USA, zusammen mit einigen NATO-Verbündeten, zahllose völkerrechtswidrige Kriege geführt haben? Davon drei gegen islamische Staaten – Afghanistan, Irak, Lybien. Im Namen westlicher Werte starben Hundertausende Soldaten und Hundertausende Zivilisten, Millionen verloren ihre Existenz und Millionen ergriffen die Flucht. Dagegen haben EuropäerInnen ebenfalls nicht protestiert, obwohl es dafür ausreichend moralische Gründe gegeben hätte. Weshalb wird da mit zweierlei Mass gemessen?
- Frage ich den nach den Gründen dafür, fällt mir auf, dass beide, Salwan Momikac und Hamed Abdel-Samad, im internationalen System aufgestiegen sind. Sind sie – wie viele andere AufsteigerInnen2 – überidentifiziert mit dem System, in dem sie angekommen sind? Blind für die Voraussetzungen und Rahmenbedingungen, auf dem der Wohlstand und die liberalen Freiheiten in ihrem Zielland gründen? Mit dieser Struktur- und Systemblindheit sind die beiden allerdings nicht allein: Sie wird von den „Eingeborenen“ in Schweden, Deutschland, der Schweiz grossmehrheitlich geteilt. Den hiesigen Medien kann ich sogar Dankbarkeit entnehmen: Endlich wagen es ein Iraker und ein Ägypter, sich öffentlich von den Muslimen und ihrem Islam zu distanzieren. Kritik ist o.k., Herabwürdigung aber arrogant und kontraproduktiv.
Meine Arbeit an den weltwirtschaftlichen Rändern und an der interkulturellen Integration und Verständigung hat mich gelehrt, dass „Moral“ eine höchst vertrackte Sache ist. Deshalb ist es nötig, über sie zu debattieren. Hilfreich sind Debatten allerdings nur, wenn sie mit Sachargumenten verfochten werden. Im Folgenden ein Versuch dazu.
Weiterlesen: VTL16.8.2023
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Siehe auch:
Kernkultur
Interkulturelle Integration – Transkulturelle Kommunikation
https://www.kernkultur.ch/index.html
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